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Tagungsnachlese zur 18. Jahrestagung des AKPP am 3. und 4. Februar 2006 in Marburg

Aufklärung, Beratung, Compliance – das ABC der Patientenführung

„Es ist nicht genug, eine Sache zu beweisen, man muss die Menschen auch zu ihr verführen“(Friedrich Nietsche)

Der Tagungsort präsentierte sich als Wintermärchen
Der Tagungsort präsentierte sich als Wintermärchen

In der romantisch verschneiten Universitätsstadt Marburg traf sich Anfang Februar der Arbeitskreis für Psychologie und Psychosomatik in der Zahnheilkunde in der DGZMK zur Jahrestagung 2006. Die klinisch außerordentlich wichtige Trias „Aufklärung, Beratung, Compliance – das ABC der Patientenführung“ wurde in einem umfangreichen und vielseitigen Programm von allen Seiten beleuchtet. Eingeleitet wurde die Tagung von Grußworten der Tagungspräsidentin Frau Dr. Jutta Margraf-Stiksrud, vom Dekan der Medizinischen Fakultät Professor Dr. Bernhard Maisch, vom geschäftsführenden Direktor der Universitätszahnklinik Marburg Professor Dr. Ulrich Lotzmann und vom Ersten Vorsitzenden des Arbeitkreises Priv.-Doz. Dr. Peter Jöhren. Nach der überaus erfolgreichen Jahrestagung 2005 im Rahmen der Gemeinschaftstagung der DGZMK in Berlin waren nach Marburg circa 150 Teilnehmer aus Deutschland und Österreich angereist.

Die Tagungspräsidentin
Die Tagungspräsidentin

Zu den drei Aspekten der Tagungsthematik wurden einleitende Referate von Professor Dr. jur. Wolfgang Voit (Marburg) zu rechtlichen Anforderungen an die zahnärztliche Aufklärung, von Dr. Hans-Joachim Demmel (Berlin) zu einer neuen Sicht auf eine zahnärztliche Beratung und von Professor Dr. Emil Witt zur vielschichtigen Problematik der Compliance gehalten. Professor Voit erinnerte sich, dass in seinen Jugendjahren die zahnärztliche Aufklärung aus den Worten bestand: „Gleich tuts weh“. Der Anspruch an eine rechtlich einwandfreie Aufklärung beinhaltet jedoch, dass der Patient als Nicht-Fachmann durch die zahnärztliche Aufklärung in die Lage versetzt werden muss, sein Selbstbestimmungerecht wahrnehmen zu können und die für ihn adäquate Therapie selbst wählen zu können. Dr. Demmel unterstrich in seinem Vortrag, wie stark psychische Alterationen einen Einfluss auf Therapiewünsche der Patienten haben können und dass der Zahnarzt psychosomatische Zusammenhänge erkennen können muss, um Patienten-adäquate Therapien vorschlagen zu können. Dabei muss berücksichtigt werden, dass die Selbstwahrnehmung des Zahnarztes nicht immer mit der Fremdwahrnehmung durch den Patienten übereinstimmt.

Engagierte Vorträge trugen zum Gelingen der Tagung bei
Engagierte Vorträge trugen zum Gelingen der Tagung bei

Professor Witt zeichnete das vielschichtige Phänomen der Compliance nach. Die allgemeine Definition der medizinischen Compliance lautet: „Compliance ist das Ausmaß der Befolgung therapeutischer und prophylaktischer ärztlicher Anordnungen oder Empfehlungen“. Die Compliance eines Patienten ist jedoch abhängig unter anderem vom Bekanntheitsgrad einer Erkrankung, z.B. ist sie beim Herzinfarkt besser als beim Bluthochdruck. Modetrends beeinflussen ebenfalls die Compliance: so werden aktuell in Thailand grell farbene pseudokieferorthopädische Apparaturen von Kinder getragen, weil Zahnspangen dort „in“ sind. Diese „Compliance“ ist jedoch kontraproduktiv, da die so gestalteten Kunstzahnspangen Arsen enthalten und ungewünschte Wirkungen zeigen. Die Compliance eines Patienten kann somit unabhängig von logischen Aspekten oder Inhalten sein und Professor Dr. Witt unterstrich abgeleitet vom Nietsche-Zitat „Es ist nicht genug, eine Sache zu beweisen, man muss die Menschen auch zu ihr verführen“ die Bedeutung der Redekunst: Ein Großteil des Gesprächs zwischen Arzt und Patient wird über Mimik und Tonfall geführt, nur zum geringen Teil beeinflusst der Inhalt des Gesprächs. Einigkeit bestand zwischen den Referenten, dass anxiolytische Gespräche räumlich und zeitlich von juristischen Aufklärungen zu trennen seien, da eine Angstlösung bei einem juristisch adäquaten Aufklärungsgespräch nicht zu erwarten sei.

Im ersten Hauptvortrag führte Professor Dr. Hans Georg Sergl (Mainz) einige kieferorthopädische Behandlungsfälle aus seiner gutachterlichen Tätigkeit vor, in denen zwar kieferorthopädisch richtig behandelt wurde, aber dennoch das Team Patient / Zahnarzt nicht funktionierte. In jedem Fall waren kommunikative Defizite aufzeigbar, die die Vertrauensbasis langfristig zerstörten: Professor Dr. Sergel verglich den Zahnarzt mit einem Bergführer, der die Bergtour „Zahnbehandlung“ in der Seilschaft Zahnarzt-Patient führt. Diese Führung funktioniert aber nur dann, wenn der Patient durch rechtzeitige Informationen von Seiten des Zahnarztes nicht mit für ihn vertrauenszerstörenden Behandlungsüberraschungen konfrontiert wird. Dr. Dr. Gerhard Kreyer (Langenlois /Österreich) stellte im zweiten Hauptvortrag dar, wie stark psychiatrische Diagnosen mit einem psychodentalen Begleitsyndrom verbunden sind: 31,2% der stationären-psychiatrischen Patienten in Wien wiesen in einer aktuellen Studie psychodentale Begleitsyndrome, wie weniger Speichelfluss, Parafunktionen, protrusive Veränderungen und psychogene Prothesenunverträglichkeit auf. Gestützt auf diese Daten betonte Dr. Dr. Gerhard Kreyer die Bedeutung eines interdisziplinären Therapieansatzes in der Zusammenarbeit zwischen Neurologie, Psychiatrie und der Zahnmedizin. Darüber hinaus sei es für den Zahnarzt wichtig, seinen Blick für psychosomatische Patienten zu schärfen, um so adäquat agieren zu können.

Tagungsbestpreis für Frau Dipl. Psych. Nicole Granrath (Universität Düsseldorf)

Die Übergabe des Preises erfolgte durch die Tagungspräsidentin
Die Übergabe des Preises erfolgte durch die Tagungspräsidentin

Erstmals wurde bei dieser Jahrestagung ein Tagungsbestpreis in Höhe von 500 EUR gestiftet von Priv.-Doz. Dr. Peter Jöhren (Bochum; Witten /Herdecke) für die Kurzvorträge verliehen. Prämiert wurde der Vortrag von Frau Nicole Granrath (Düsseldorf), in dem gezeigt wurde, dass Patientenbroschüren als Instrument zur Förderung des Mundgesundheitsverhaltens nützlich sein können und ähnlich gute Resultate erzielen, wie eine mündliche Instruktion. Die Befolgung der zahnärztlichen Instruktionen durch die Patienten mit CMD stieg in der Studie von Dr. N. Ast (Beeskow) in dem Maße, wie die Therapiemethoden nachvollziehbar und möglichst wenig zeitaufwendig waren. Dr. Dr. Norbert Enkling (Bochum; Witten / Herdecke) führte eine neue Therapiemethode zur Behandlung der subphobischen Zahnbehandlungsangst in Form einer DVD gestützten Behandlungsvorbereitung mit Informations- und Entspannungsanteilen vor. Über diesen Therapieansatz konnten 83% der Studienteilnehmer im hochsignifikanten Unterschied zur Kontrollgruppe erfolgreich zahnärztlich behandelt werden, wobei die Angst vor der Zahnbehandlung jedoch unverändert hoch blieb. Daraus könnte eventuell geschlossen werden, dass die Höhe der nicht krankhaften Zahnbehandlungsangst ein individuelles Merkmal eines jeden Menschen ist, die durch die subjektiv empfundene Bedrohung bedingt ist. Somit ist die „Angst vor der Zahnbehandlung rein menschlich“, wie Dr. Gabriele Marwinski (Bochum) in ihrem Vortrag resümierte: Zahnbehandlungsphobiker, also Patienten, welche unter einer krankhaften Zahnbehandlungsangst leiden, wünschen sich jedoch im Vergleich zu normal ängstlichen Patienten vermehrt Zuwendung und Hilfsmittel durch ihren Zahnarzt. Empathie und menschliche Wärme sind neben Information und schmerzloser Behandlung für die Behandlung ängstlicher Patienten unentbehrlich. Die krankhafte Zahnbehandlungsphobie weist eine Prävalenz von ca. 11% in der Gesamtbevölkerung auf. In auf Zahnbehandlungsangst spezialisierten Praxen findet sich ein höherer Anteil von Angstpatienten, womit gezeigt wurde, dass Angstpatienten sich vor der Behandlung gut informieren und diese Spezialisierung nutzen. Dr. Larissa Dehne (Hannover) konnte in ihrer Studie zeigen, dass ebenfalls eine Spezialisierung auf zahnärztliche Prophylaxe, von den Patienten angenommen wird und zu einer signifikanten Verbesserung der Mundhygiene führte. Die Mundhygiene ist nach der Studie von Priv.-Doz. Dr. Ulrich Klages (Mainz) abhängig von dem Ästhetikbewusstsein der Patienten und ist eventuell durch Korrekturen der dentalen Ästhetik verbesserbar. Akuter Stress scheint auf eine chronische Gingivitis negative Auswirkungen zu haben: so fand Ulrike Weik (Düsseldorf) bei chronischen Gingivitispatienten eine erhöhte IL-8 Exprimierung in der Sulkusflüssigkeit unter akutem Stress.

Frau Dipl.-Des. Wibke Kreft (Weimar) stellte in ihrem Vortrag ein von ihr entwickeltes Konzept zur spielerischen Motivierung von Kindern zur Mundhygiene und Vorbereitung auf eine Zahnbehandlung vor. Den verschiedenen zahnärztlichen Instrumenten wurden farbig-strukturierte Tiermetaphern an die Seite gestellt um den Kinder die Angst vor den Instrumenten zu nehmen und entsprechende Spielzeuge herstellen zu können: der Püster galt als blauer Elefant, der Spiegel als violette Schlange, die Sonde als braun-gelbe Giraffe und der Bohrer als grüner Specht. Aus dem Auditorium wurde unterstützend bemerkt, dass sich diese Tiervergleiche sehr gut zur suggestiven Behandlungsvorbereitung zu einer Geschichte kombinieren lassen. Suggestion und Hypnose zeigen nicht nur bei Kindern sondern auch bei Erwachsenen Erfolg bei der Vorbereitung der Behandlung. So konnte Dr. Dr. Dirk Hermes (Lübeck) einige eindrucksvolle gesichtschirurgische Eingriffe zeigen, welche ohne Vollnarkose nur in Trance und Lokalanästhesie durchgeführt werden konnten. Die Funktion der Hypnose war in diesen Fällen die Entspannung nicht die analgetische Wirkung. Aus dem Auditorium wurde ergänzt, dass Hypnose sehr effektiv sei, aber mit dem Problem verbunden, dass man die Patienten, welche eine absolute Kontraindikationen für Hypnose in Form von psychiatrischen Erkrankungen, wie einer lavierten Depressionen aufweisen, im Vorfeld herausfiltern muss. Für den „normalen“ Zahnarzt seien diese Psychosen jedoch nicht immer sofort ersichtlich.
Psychologische Vorlesungen und Kurse werden an einigen Universitäten im Fachbereich Zahnmedizin bereits seit Jahren unterrichtet: die Methodik der Universität Hannover, welche psychologische Lehrinhalte im 6. und 7. Semester vermittelt, wurde in einem Kurzvortrag von Dr. Dipl.-Psych. Thomas Schneller und Swantje Beckmann vorgestellt.

Abgerundet wurde die Tagung durch Workshops in Kleingruppen und dem gemütlichen Gesellschaftsabend im mittelalterlichen „Deutschhaus-Keller“ gelegen neben der kunsthistorisch bedeutenden Elisabethkirche.

Mitgliederversammlung / Wahl neuer Vorstand AKPP

Alter und neuer Vorstand gemeinsam mit der Tagungspräsidentin
Alter und neuer Vorstand gemein- sam mit der Tagungspräsidentin

Die Mitgliederversammlung stand im Zeichen der Wahl des neuen Vorstandes. Der bisherige Vorstand bestehend aus dem ersten Vorsitzenden Priv.-Doz. Dr. Peter Jöhren (Bochum; Witten /Herdecke) und der zweiten Vorsitzenden Dr. Inge Staehle (Erlangen) stand aus persönlichen Gründen zur Wiederwahl nicht zur Verfügung und schied nach einstimmiger Entlastung aus seinem Amt aus. Zur neuen ersten Vorsitzenden wurde Priv.-Doz. Dr. Anne Wolowski (Münster) und als zweiter Vorsitzender Dr. Dr. Norbert Enkling (Bochum; Witten /Herdecke) gewählt. Frau Priv.-Doz. Dr. Anne Wolowski ist Oberärztin der Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik im Universitätsklinikum Münster und beschäftigt sich seit über 15 Jahren wissenschaftlich und klinisch mit Psychosomatik und Psychopathologie in der Zahnheilkunde. Dr. Dr. Norbert Enkling hat sich im Rahmen seiner Tätigkeit in der Zahnklinik Bochum und im Therapiezentrum für Zahnbehandlungsangst Bochum wissenschaftlich und klinisch besonders mit der Thematik Zahnbehandlungsangst und Zahnbehandlungsphobie beschäftigt. Ab dem 1.1.2007 wird Dr. Dr. Norbert Enkling als Oberarzt der Klinik für Zahnärztliche Prothetik der Universität Bern tätig sein.